Im Zentrum meiner Selbstbegegnungsarbeit steht der Prozess der Rückbindung an das individuelle, gesunde ICH.
Viele Menschen haben in ihrer frühen Kindheit keine sichere und verlässliche Bindung erfahren. Dadurch konnten wesentliche Entwicklungsschritte auf dem Weg zu einer stabilen Autonomie nur eingeschränkt stattfinden. Bindung und Autonomie stehen in einem engen Zusammenhang – eine sichere Bindung bildet die Grundlage für die Entwicklung von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung.
Erst eine liebevolle und tragfähige Verbindung zu sich selbst ermöglicht es, sich zu einem selbstbestimmten, eigenverantwortlichen und beziehungsfähigen Menschen zu entwickeln.
Frühe Bindungstraumatisierungen können auch im Erwachsenenalter durch bewusste Prozesse der inneren Rückbindung schrittweise integriert werden. Dadurch werden Entwicklungsprozesse angeregt und bislang unterbrochene Reifungsschritte können nachgeholt werden.
Im Verlauf dieses Prozesses entsteht nach und nach ein stabiler, gut abgegrenzter innerer ICH-Raum – verbunden mit dem verkörperten Erleben eines inneren sicheren Hafens. Diese innere Sicherheit bleibt bestehen, auch wenn die ursprünglichen Bindungspersonen im Außen nicht mehr verfügbar sind.
Aus dieser inneren Verankerung heraus wird es möglich, sich nicht nur aus ungesunden familiären Bindungsmustern zu lösen, sondern auch mehrgenerational übernommene Gefühle, Loyalitäten und Identifizierungen als nicht zum eigenen Selbst gehörig zu erkennen und schrittweise loszulassen.
So kann sich ein klares, individuelles Identitätsgefühl entwickeln, das im eigenen ICH verankert ist und zunehmend unabhängig von äußerer Bestätigung wird.
Im Mittelpunkt meiner Prozessbegleitung steht deshalb nicht allein das Aufdecken und kognitive Verstehen traumatischer Erfahrungen. Entscheidend ist vielmehr der gefühlte und verkörperte Kontakt des Klienten zu seinem ICH und seinen inneren Selbstanteilen. Erst durch diese unmittelbare Beziehungserfahrung können Selbstmitgefühl, innere Stabilität und nachhaltige Veränderungsprozesse entstehen.
Da die erste resonanzgeprägte Begegnung mit dem eigenen ICH für diesen Prozess von zentraler Bedeutung ist, lade ich Klientinnen und Klienten ein, ihre innere Forschungsreise mit einem ICH-Stellvertreter oder einem entsprechenden Bodenanker zu beginnen.
Dieser achtsame Einstieg schafft die Grundlage für einen tiefen, tragfähigen Selbstkontakt und eröffnet einen Erfahrungsraum, in dem innere Beziehungsmuster bewusst wahrgenommen, verstanden und schrittweise verändert werden können.
Ein wesentlicher Aspekt meines Verständnisses von Traumaintegration ist, dass der Klient auch während der Begegnung mit traumatischen Erfahrungen in seiner inneren Erwachsenenposition im Hier und Jetzt verankert bleibt.
Diese innere Verankerung ermöglicht es, belastende Gefühle wahrzunehmen, ohne sich vollständig mit ihnen zu identifizieren oder in frühere kindliche Erlebniszustände zurückzufallen. Der Klient kann das Erlebte aus der heutigen erwachsenen Perspektive betrachten, halten und schrittweise integrieren.Nur aus der Position des erwachsenen Selbst heraus können wir dem inneren Kind in uns – jenem einst verletzten und bindungstraumatisierten Anteil – jene notwendige Bindungsliebe, Sicherheit, Orientierung und emotionale Präsenz schenken, die in der damaligen Entwicklungsphase gefehlt haben. Die tiefe menschliche Sehnsucht nach Verbundenheit und Angenommensein bleibt als prägende innere Erfahrung bestehen und beeinflusst unser Erleben und unsere Beziehungen bis ins Erwachsenenalter.
Häufig versuchen Menschen unbewusst, diese ursprüngliche Sehnsucht im Außen zu erfüllen – beispielsweise in Partnerschaften, Freundschaften oder durch Anpassung an die Erwartungen anderer. Eine nachhaltige innere Sicherheit entsteht jedoch erst durch die Entwicklung einer liebevollen Beziehung zu sich selbst und durch die Verbindung mit dem eigenen ICH.
„Bindungserfahrungen können uns verletzen – neue, liebevolle Selbstanbindungserfahrungen können heilsam wirken.“
Ich gebe diesem tiefen Moment der ICH-Begegnung bewusst Raum, begleite ihn durch achtsames Spiegeln und ergänze ihn durch erklärende Psychoedukation. So kann der Klient nicht nur fühlen, sondern zunehmend auch verstehen, was in diesem Augenblick in ihm geschieht – in der Begegnung mit dem eigenen ICH.
Bereits in dieser ersten Begegnung können wesentliche innere Bilder und Beziehungserfahrungen sichtbar werden:
Mit welchem Blick und welcher inneren Haltung wurde ich als Kind wahrgenommen? War es ein Blick voller Annahme, Interesse und liebevoller Zugewandtheit? Oder erlebte ich Abwesenheit, Überforderung, Ablehnung, Bewertung oder das Gefühl, nicht wirklich gesehen zu werden?
Die Art und Weise, wie ein Kind von seinen primären Bindungspersonen gesehen und emotional beantwortet wird, prägt die Entwicklung seines Selbstbildes. Diese frühen Beziehungserfahrungen werden verinnerlicht und beeinflussen später den eigenen Blick auf sich selbst.
Nach dem Grundsatz:
„Wir begegnen uns selbst häufig in der Weise, wie uns in unseren frühen Beziehungen begegnet wurde.“
Dieses innere Beziehungsmuster wird in der Selbstbegegnung sichtbar und kann durch einen bewussten, mitfühlenden Kontakt zum eigenen ICH allmählich verändert werden. So entsteht die Möglichkeit, sich selbst zunehmend mit einem liebevollen und annehmenden Blick zu begegnen.